Projekt Top 30 - Teil 1

Kürzlich gab es in diesem kleinen, gemütlichen Forum am Rande des Internets, in dem ich im Grunde schon mein halbes Leben unterwegs bin und wo ich viele tolle Leute kennengelernt und auch 'in real life' Freundschaften fürs Leben geschlossen habe, eine schöne Aktion: einen All-Time-Forumspoll. Jeder User durfte seine persönliche Album-Top-30 einreichen, das Ganze wurde dann ausgewertet und das Ergebnis mittels einer eigens dafür produzierten Radioshow präsentiert. 

Wenn man in einem Metalforum nach den besten Alben aller Zeiten fragt, dann ist es nicht verwunderlich, dass Bands wie Iron Maiden und Metallica überproportional vertreten sind und am Ende ein Klassiker, in diesem Falle Queensryche's "Operation: Mindcrime", das Ganze gewinnt.

Welche Alben man da genannt hat, das blieb natürlich jeder und jedem selbst überlassen.

Viele, unter anderem auch ich, legten sich selbst die Regel auf, dass pro Band höchstens ein Album erlaubt war. Und tatsächlich würde ich das so machen: Im hypothetischen Fall, nur 30 Alben behalten zu dürfen, würde ich mich nicht für je drei bis acht Alben meiner Lieblingsbands entscheiden, sondern für 30 verschiedene Bands und Interpreten.

Welche das waren, das war bis zu einem gewissen Grad eine Tagesform-Entscheidung. An einem anderen Tag hätte ich vielleicht fünf bis zehn dieser Alben durch andere ersetzt. Auch die Reihenfolge, in die ich die Alben brachte, kann natürlich maximal eine Annäherung sein. Wie will man Alben von meinetwegen Fear Factory und Bruce Springsteen vergleichen, in dem Sinne, welches jetzt das bessere Album ist? Unmöglich und vor allem auch völlig sinnlos. Ergo ist diese Rangliste ebenfalls einigermaßen willkürlich entstanden und stellt im besten Fall eine grobe Orientierung, aber sicherlich keine in Stein gemeißelte, definitive Reihenfolge dar.

Im Rahmen diverser Rückblicke und Reviews auf dieser Seite habe ich einen Teil meiner 30 Alben hier schon einmal vorgestellt oder besprochen. Für einen Großteil der Alben gilt dies allerdings nicht.

Das möchte ich nun ändern. In welcher Reihenfolge ich das mache und ob ich bei meinem "Arbeitstempo" hier jemals damit fertig werde, kann ich noch nicht sagen. Mein Plan im Moment ist, mir willkürlich ein Album aus der Liste auszusuchen, auf das ich gerade Lust habe und es entsprechend zu reviewen. 

Am Ende dieses (und kommender) Artikels gibt es eine Liste meiner Alben mit Links zu den bereits besprochenen Platten. Mein Ziel ist, dass am Ende des Ganzen dann jeder Eintrag mit einem Link versehen ist und zu einem Review weiterleitet. Schauen wir mal, ob das klappt. 


Platz 8: Paradise Lost - Icon

Es verwundert wohl nicht weiter, dass ein recht erheblicher Anteil der Alben aus meiner Liste aus einer Zeit stammt, in der ich Teenager war, andauernd neue Bands und Stile entdeckte und ernsthaft anfing, mich für Musik zu begeistern. Viele Alben öffneten mir damals Türen zu Stilrichtungen, mit denen ich bisher keine Berührungspunkte gehabt hatte, und ganze Welten taten sich auf.

"Icon", das vierte Album von Paradise Lost aus dem Jahre 1993, ist da ein absolutes Paradebeispiel. "Icon" war mein Einstieg in die düstereren Gefilde des Metal, Gothic und Doom. Wie genau ich auf Paradise Lost aufmerksam wurde, weiß ich nicht mehr, nur, dass es über den Song "Embers Fire" passierte. Irgendwer aus der Schule hatte das Lied wohl auf einem der Mixtapes verewigt, die damals regelmäßig den Besitzer wechselten, und ich weiß noch, dass ich den Song dutzende Male gehört habe und komplett fasziniert war. 

In Prä-Internet/Streaming-Zeiten und gleichzeitig im Zeitalter des knappen Taschengeldes, wo jedem CD-Kauf oft tage- oder gar wochenlanges Abwägen vorausging, fand "Icon", das zugehörige Album zu "Embers Fire" dann aber irgendwann den Weg in die heimische CD-Sammlung. Der Song war in Sachen Düsternis dabei noch nicht einmal das Ende der Fahnenstange. Besonders die beiden SloMo-Walzen "Joys of the Emptiness" und "Colossal Rains" waren es, die mich komplett in ihren Bann zogen. Großer Fan war ich ansonsten von dem gothic-lastigen "Christendom" und den beiden wuchtigen, für Paradise-Lost-Verhältnisse recht schnellen Songs "Remembrance" und "Dying Freedom", beide veredelt durch die herrlichen Urschreie von Sänger Nick Holmes jeweils gegen Songende.

Die übrigen Songs brauchten ein wenig länger, erschlossen sich dann aber auch recht bald. Lediglich mit "Forging Sympathy" und "Poison" wurde ich relativ lange nicht so recht warm, weil mir da irgendetwas fehlte. Was genau das war, vermag ich nicht mehr zu sagen, denn natürlich sind auch diese beiden Songs Weltklasse.

"Icon" klang für mich damals wie eine finstere Version des schwarzen Albums von Metallica. Die Songs sind ähnlich kompakt, kommen immer schnell auf den Punkt und sind relativ schnörkellos. Und Holmes erinnerte mich an eine etwas rauere Version von James Heftfield auf ebenjenem Metallica-Album und tut das bis heute. Dass Holmes eigentlich überhaupt kein guter Sänger ist und manchmal durchaus auch etwas neben der Spur liegt, habe ich seinerzeit überhaupt nicht gemerkt und wenn, dann wäre das auch kein Kriterium gewesen. "Icon" ist eine unfassbare Hitmaschine, jeder der zwölf Songs (plus Outro) ist ein kleiner Hit, der über fantastische Hooklines verfügt und auf den Punkt komponiert ist. "Icon" hat bis zum heutigen Tag absolut nichts von seiner Klasse und Faszination eingebüßt. Ich liebe alles an dieser Platte. Das geht beim Sound los. Dieser unfassbar wuchtige Klang (die Rhythmusgitarren und der Bass in "Colossal Rains" oder "True Belief" richten mir bis heute die Innereien neu), dieser leichte Hall, der auf allem liegt und "Icon" so einen leicht sakralen Anstrich gibt. Greg Mackintoshs klagende, elegische Lead-Melodien, die beinahe jeden Song auf ein noch höheres Level heben als ohnehin schon - Beispiele wären "Widow", "Weeping Words" oder "Joys of the Emptiness", im Grunde aber fast jeder Song des Albums. Dieses Jaulende, Klagende, zugleich Wütende, Verzweifelte - aus meiner Sicht hat er das nie wieder so fantastisch hinbekommen wie auf "Icon"

Dann wäre da das Artwork, ebenfalls zeitlos schön und stilvoll - das simple wie elegante Bandlogo pinselte ich damals auf alles, was da war. Das sich zu einem riesigen Poster ausfaltende Booklet, das auf der einen Seite noch mehr Artwork und natürlich alle Texte zeigte, während auf der Rückseite ein großformatiges Bandfoto abgebildet war. Cooler als Mackintosh auf diesem Foto konnte man aus Sicht meines 15-jährigen Ichs schlicht nicht mehr aussehen. 

Interessant finde ich, dass vier der fünf auf dem Foto abgebildeten Herren seit der Bandgründung Ende der 1980er dabei sind und sich das bis zum heutigen Tag auch nicht geändert hat. Lediglich Drummer Matt Archer (auf dem Foto ganz links) wurde ab dem Nachfolger "Draconian Times" (1995) dann durch Lee Morris ersetzt - der wiederum inzwischen auch schon ganze drei Nachfolger hat. Der Drumhocker bei Paradise Lost stand offenbar nie besonders stabil - ansonsten ist ein derart konstantes Bandgefüge seit inzwischen weit über 30 Jahren gerade für eine Band, die derart viele stilistische Veränderungen durchlebt hat wie Paradise Lost, schon bemerkenswert.

Wie dem auch sei, "Icon" ist und bleibt aus meiner Sicht die Speerspitze des Schaffens der Band aus Halifax, wobei ich bei Paradise Lost tatsächlich einigermaßen selektiv vorgehe und trotz der sicherlich vorhandenen Klasse späterer Alben wie "Tragic Idol" oder "Faith Divides Us, Death Unites Us" mit der Phase vom Zweitling "Gothic" (1991) bis zu "One Second" (1997) eigentlich völlig ausreichend bedient bin. "Icon" aber hat seit nunmehr 28 Jahren einen Platz in meinem Herzen und es gab keine Phase, in der ich einmal keine Lust auf dieses Album hatte. Und auch nach sicherlich hunderten Hördurchgängen in dieser Zeit gibt es auf diesem Album nicht auch nur eine Sekunde, die sich irgendwie abgenutzt hätte. Ein echter Klassiker eben.



Top 30 Alben mit Links:

 

01. Pink Floyd - The Wall

02. The Beatles - Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band

03. Metallica - Master of Puppets

04. New Model Army - Thunder and Consolation

05. Pearl Jam - Ten

06. Bad Religion - Stranger than Fiction

07. Alice In Chains - Dirt

08. Paradise Lost - Icon

09. Rush - Signals

10. Manic Street Preachers - The Holy Bible

11. Anathema - Judgement

12. Sepultura - Chaos A.D.

13. Tool - Lateralus

14. Iron Maiden - Somewhere in Time  

15. The Jezabels - Prisoner

16. Bruce Springsteen - Born to Run

17. The Gathering - How to Measure a Planet?

18. Tiamat - A Deeper Kind of Slumber

19. Arena - The Visitor

20. Mad Season - Above

21. Type O Negative - October Rust

22. Extreme - III Sides to Every Story

23. Fear Factory - Demanufacture

24. Faith No More - Angel Dust

25. Blind Guardian - Somewhere Far Beyond

26. Devin Townsend - Terria

27. Gold - Optimist

28. Megadeth - Countdown to Extinction

29. Marillion - Afraid of Sunlight

30. Porcupine Tree - In Absentia


Kommentar schreiben

Kommentare: 0