Projekt Top 30 - Teil 2

Im nächsten Teil dieser Rückschau komme ich zu einer Platte, die mit Platz 22 eigentlich viel zu niedrig bewertet ist. Aber wie gesagt, erstens ist diese Rangliste zu einem nicht unerheblichen Teil der Tagesform geschuldet, zweitens kann man die Alben ohnehin nur schwierig miteinander vergleichen und drittens finde ich bei im Grunde fast jedem Album aus dieser Liste, dass Platz X eigentlich viel zu niedrig ist. Aber was will man machen, wir sind hier ja nicht in Vietnam, hier gibt es Regeln.

Platz 22: Extreme - III Sides to Every Story

Das merkwürdige an dieser Platte ist, dass ich sie seit ihrer Veröffentlichung im Jahre 1992 kenne und verehre, aber sie bis vor wenigen Monaten nicht einmal vollständig kannte - ohne das aber zu wissen. Denn ich kannte bloß die CD-Version von Extremes drittem Album "III Sides to Every Story", die mit über 76 Minuten Länge die Spielzeit ebendieser CD auch beinahe voll ausschöpft - und genau das ist das Problem. Die CD ist zu kurz, es fehlt ein Stück - was ich aber wiederum bis vor kurzem einfach nicht gewusst habe.

Erst, als ich im April zufällig den Wikipedia-Artikel zu "III Sides to Every Story" las, sah ich, dass das Album seinerzeit auf Vinyl einen Song mehr hatte und eigentlich somit ganze 82 Minuten lang war - was als Doppel-LP kein Problem darstellt, als Einzel-CD aber eben schon. Und offenbar sprach seinerzeit irgendetwas dagegen, das Album auch auf CD als Doppel-Album herauszubringen. "Don't Leave Me Alone", der mir unbekannte Song, war zwar damals auch als B-Seite der "Stop the World"-Single erschienen, aber auch das wusste ich nicht, denn diese Single habe ich nie besessen. Zum Glück gibt es ja YouTube, ich konnte mir das mir unbekannte Lied dort also anhören, und es war noch nicht zu Ende, da war ich schon bei Ebay auf der Suche nach einer gebrauchten Vinyl-Ausgabe dieser Platte. Was für ein Lied!

Im besagten Wikipedia-Artikel wird Gitarrist Nuno Bettencourt dahingehend zitiert, dass es sich anfühlte, als würde man sich den rechten Arm abschneiden, als damals die Entscheidung getroffen werden musste, ein Stück dieses Albums für die CD-Version zu streichen. Ich kann mir das sehr gut vorstellen. Warum die Entscheidung ausgerechnet auf "Don't Leave Me Alone" fiel, weiß ich nicht, aber dass sie es sich nicht leichtgemacht haben können, solch einen Song zu streichen, ist völlig klar.

"III Sides to Every Story" ist ja ein 'dreigeteiltes' Album. Die drei Seiten einer jeden Geschichte bilden den konzeptionellen Überbau dieses Albums. Los geht es mit der Seite "Yours", die die härtere, metallische und auch funkige Seite von Extreme abbildet und aus sechs Liedern besteht. Textlich geht die Band hier gesellschaftliche Themen wie Rassismus ("Color Me Blind"), Regierung und politische Unterdrückung ("Politicalamity") oder Krieg und dessen Verherrlichung ("Warheads") an. In "Rest in Peace" fordern Extreme dazu auf, Lippenbekenntnissen wie "Make love, not war" auch Taten folgen zu lassen und beim Streben nach Frieden erst einmal bei sich selbst anstatt bei allen andern zu beginnen. Und "Peacemaker Die", aus meiner Sicht der beste Song der "Yours"-Seite, enthält sogar ein längeres Sample der berühmten "I have a dream..."-Rede Martin Luther Kings. Große und gewichtige  Themen also, musikalisch dargebracht wie gesagt im funkigen Hardrockgewand, wobei speziell "Warheads" die Grenze zum Heavy Metal spielend überschreitet. Auch "Color Me Blind" und "Rest in Peace", in dessen Solo Nuno Bettencourt Jimi Hendrix ausführlich Tribut zollt, kommen ziemlich wuchtig daher. Das Stück "Cupid's Dead" fällt aus meiner Sicht im Vergleich zum Rest recht deutlich ab und ist auch viel zu lang. Bettencourt ergeht sich in der Mitte in langweiligen Gitarrenspielereien, das Lied wirkt auf mich recht zerstückelt und zerfahren. Wenn man schon einen Song von diesem Album streichen muss - ich hätte diesen genommen. Sonst aber überzeugt dieser Teil des Albums vollumfänglich.

Nach "Yours" kommt "Mine" - die zweite Seite einer jeden Geschichte. Auf CD eben aufgrund des Fehlens von "Don't Leave Me Alone" nur fünf Songs lang und über zehn Minuten kürzer als "Yours". Ehrlich gesagt habe ich seit 29 Jahren gedacht, dass hier ein leichtes Ungleichgewicht besteht und dieser Teil des Albums im Vergleich zum ersten einfach zu kurz ist - jetzt weiß ich endlich, warum.

In den "Mine"-Songs gehen Extreme deutlich ruhiger, introvertierter und auch vielseitiger zu Werke. Die Themen der Songs sind auch eher persönlicher Natur, es gibt zwei Liebeslieder ("Seven Sundays" und das Beatles-lastige "Tragic Comic"), in "Stop the World" geht es um philosophische und existentielle Fragen, und "Our Father" sowie"God Isn't Dead?" berühren auch religiöse und spirituelle Themen. "Seven Sundays" habe ich erst sehr spät schätzen- und liebengelernt, für den völligen Bombast-Kitsch-Overkill in diesem Song musste ich tatsächlich erst alt genug werden. Die musikalische Nähe von Extreme zu Queen wird hier wieder einmal deutlich, noch stärker ist das in "Don't Leave Me Alone" zu hören. Wenn Bettencourts Gitarrenspiel den ersten Teil des Albums dominierte, so ist es in den "Mine"-Songs vor allem die grandiose Stimme und der unfassbare Gesang Gary Cherones. Was der Mann in "Seven Sundays", "Stop the World" und speziell "God Isn't Dead?" abzieht, ist überragend. Wenn ich diese Songs höre, fällt mir auch immer wieder das Freddie-Mercury-Tribute-Konzert seinerzeit im Wembley-Stadion ein, bei dem Extreme ein langes Queen-Medley spielten und Cherone später mit den Queen-Musikern "Hammer to Fall" performte. Wenn ich mir das heute angucke, denke ich jedes Mal, dass Queen mit Cherone vielleicht in Würde hätten weitermachen können. Stattdessen entschied man sich für 30 Jahre Blödsinn, 120fache Wiederveröffentlichungen von altem Kram und ein Rip-Off-Boxset nach dem nächsten, während Cherone sein Talent zunächst bei Van Halen verschwendete. Traurig. Aber es ist, wie es ist. 

Kommen wir wieder zu "III Sides to Every Story" - die dritte Seite der Geschichte fehlt ja noch. Nach "Yours" und "Mine" kommt am Ende "The Truth"

Der dritte Teil des Albums  besteht aus einem einzigen, 22-minütigen Song namens "Everything Under the Sun", der wiederum in drei Parts unterteilt ist. Ich könnte mir vorstellen, dass sich dieses ganze Dreiteilungs-Konzept fürchterlich verkopft und überambitioniert liest, wenn man das Album nicht kennt. Das Tolle ist, es ist eben überhaupt nicht so. "Everything Under the Sun" ist eigentlich ein klassischer Progressive-Rock-Longtrack, schön unterteilt in mehrere Parts, wie das in den Siebzigern Bands wie  Rush oder Genesis vorgemacht hatten. Part I, "Rise 'n Shine", setzt ein wenig die sanftere Ausrichtung der "Mine"-Songs fort, klingt dabei unglaublich entspannt, sagenhaft cool und reiht eine Jahrhundertmelodie an die nächste. Der Sound ist irgendwie noch ausladender, umfassender, raumgreifender, alles klingt riesengroß und zur gleichen Zeit perfekt auf sich selbst reduziert - schwer zu beschreiben, aber "Rise 'n Shine" wäre bereits für sich genommen ein perfekter Song.

Part II ist mit "Am I Ever Gonna Change" betitelt und zieht wieder mehr an, ist rockiger, härter und fordernder, ohne diesbezüglich aber an die "Yours"-Songs anzuknüpfen. Trotz einiger härter Gitarrenpassagen dominiert in "Am I Ever Gonna Change" sehr klar der Rock und nicht der Metal. Nach einer Passage, in der ein Priester einen längeren Text auf Latein rezitiert (laut manchen Quellenangaben die Bergpredigt, überhaupt weist "Everything Under the Sun" textlich viele religiöse Motive auf), folgen einige Breaks, in die Bettencourt kurze Soli einstreut, die mir schlicht den Atem rauben. Hier ist sein Spiel recht klar an Brian May angelehnt, diese kurzen Soli, immer wieder unterbrochen von gewaltigen Akkorden, bilden aus meiner Sicht die beste Passage des gesamten Albums. 

Part III schließlich hört auf den Namen "Who Cares?", beginnt ganz ruhig mit sanftem Piano und leisem Geflüster, bevor erst Streicher dazukommen und kurze Zeit später ein komplettes Orchester einsetzt. "Who Cares?" ist an Dramatik nicht mehr zu schlagen, Gary Cherone wächst endgültig über sich hinaus (besonders die letzte, a capella vorgetragene Strophe ist unmenschlich gut gesungen), das Stück pendelt zwischen dramatischen Gesangseinsätzen und dem sanften, von einer verfremdeten Stimme intonierten Chorus, bevor dann gegen Ende die drei Refrains der drei Songparts übereinander gelegt werden und so das Bild endlich vollständig und komplett machen. Was für ein unfassbares Finale.

Extreme haben mit "Everything Under the Sun" ein Stück Musik geschaffen, das für mich ohne jeden Vergleich ist. Es ist aus meiner Sicht ziemlich sicher der beste Longtrack, den jemals eine Band verbrochen hat, und jedes Mal, wenn ich das Lied höre, denke ich zudem, dass es vielleicht sogar die absolute Speerspitze der Rockmusik an sich ist. Wie man über 22 Minuten derart die Spannung halten, derart eingängig agieren kann und es zudem schafft, nicht eine einzige überflüssige Sekunde einzubauen, davor kann ich mich nur ganz tief verbeugen.

Rückschauend betrachtet könnte ich mir durchaus vorstellen, dass dieses Album und speziell "Everything Under the Sun" bei mir auch viele Türen aufgestoßen und Wege in Richtung Prog geebnet hat. Das ist nur eine Vermutung, aber es könnte durchaus sein. "III Sides to Every Story" ist aus meiner Sicht Extremes Meisterwerk und ihre absolute Sternstunde. Und die dritte Seite macht es dann auch endgültig zu einem der besten Alben aller Zeiten.



Top 30 Alben mit Links:

 

01. Pink Floyd - The Wall

02. The Beatles - Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band

03. Metallica - Master of Puppets

04. New Model Army - Thunder and Consolation

05. Pearl Jam - Ten

06. Bad Religion - Stranger than Fiction

07. Alice In Chains - Dirt

08. Paradise Lost - Icon

09. Rush - Signals

10. Manic Street Preachers - The Holy Bible

11. Anathema - Judgement

12. Sepultura - Chaos A.D.

13. Tool - Lateralus

14. Iron Maiden - Somewhere in Time  

15. The Jezabels - Prisoner

16. Bruce Springsteen - Born to Run

17. The Gathering - How to Measure a Planet?

18. Tiamat - A Deeper Kind of Slumber

19. Arena - The Visitor

20. Mad Season - Above

21. Type O Negative - October Rust

22. Extreme - III Sides to Every Story

23. Fear Factory - Demanufacture

24. Faith No More - Angel Dust

25. Blind Guardian - Somewhere Far Beyond

26. Devin Townsend - Terria

27. Gold - Optimist

28. Megadeth - Countdown to Extinction

29. Marillion - Afraid of Sunlight

30. Porcupine Tree - In Absentia


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