Projekt Top 30 - Teil 3

Auch bei der nächsten vorgestellten Platte bleiben wir in der ersten Hälfte der Neunziger, genauer gesagt im Jahre 1992. Diesmal bewege ich mich auch geografisch nicht allzu weit von der Heimat weg, wir bleiben in Nordrhein-Westfalen und begeben uns ins nur einen Steinwurf entfernte Krefeld...

Platz 25: Blind Guardian - Somewhere Far Beyond

"Somewhere Far Beyond" lernte ich seinerzeit recht nah an seinem Erscheinungstermin kennen. Wieder einmal war es ein Tape eines Schulkumpels, diesmal war das besagte Album in voller Länge enthalten, die Rückseite der Kassette enthielt den Vorgänger "Tales From the Twilight World". Beide Alben bliesen mich vollständig um, beide Alben hätten in dieser Liste auftauchen können, letztlich habe ich "Somewhere Far Beyond", dem vierten Album von Blind Guardian, knapp den Vorzug gegeben.

Von so etwas wie Akzenten eines Sängers hatte ich damals keinerlei Ahnung, und so überraschte es mich, nachdem ich besagte Kassette dreimal hintereinander gehört und am nächsten Tag mit dem edlen Spender darüber geredet hatte, doch sehr, dass Blind Guardian quasi aus der Nachbarschaft kamen. Ihre Musik klang mir dafür eigentlich viel zu groß, zu abgehoben und zu fantastisch. Zu sowas sollte man in der Lage sein, wenn man aus irgendeiner schäbigen NRW-Stadt (no offense, Krefeld! Das hätte ich auch für jede andere Stadt so geschrieben) stammte? Unglaublich. Ja, der Horizont und das Weltbild waren mit 14 Jahren wohl schon noch etwas enger gefasst.

Die grandiosen Artworks der Blind Guardian-Alben aus jener Zeit, angefertigt von Andreas Marschall, hatte ich ja zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal gesehen. Das kam erst später, und insbesondere vor den Covern von "Somewhere Far Beyond" und dem des Nachfolgers "Imaginations From the Other Side" verbrachte ich trotz der jämmerlichen 12x12cm-Größe des CD-Formats doch eine recht lange Zeit. Es war einfach genau mein Ding.

Musikalisch sind Blind Guardian aus meiner Sicht in der Zeit von "Tales From the Twilight World" (1990) bis "Nightfall in Middle Earth" (1998) vollkommen unanfechtbar und stellen die absolute Speerspitze dessen dar, was jemals an Heavy Metal aus Deutschland kam. Davor und danach gab es immer wieder tolle Momente, doch diese vier Alben sind bis heute der heilige Gral und haben für mich nichts von ihrer Klasse und Genialität eingebüßt.  Speziell auf "Somewhere Far Beyond" hat die Band das Verhältnis von pfeilschnellen Speed-Nummern wie "Time What Is Time" oder "Journey Through the Dark" und epischem Breitwandbombast der Marke "The Quest for Tanelorn" oder "The Bard's Song: The Hobbit" so gut hinbekommen wie auf keinem anderen Album.  "Ashes to Ashes" oder der alles überragende Titelsong sind absolute Meisterwerke, genial durchkomponiert, trotz aller Chöre, Breaks, Dudelsäcke (!) und überlebensgroßer Refrains wirken sie zu keinem Zeitpunkt überfrachtet oder übertrieben. 

Die musikalische bzw. technische Klasse ist zudem beeindruckend, die Arrangements sind meisterhaft und das Ganze wirkt umso ehrfurchtgebietender, wenn man sich vor Augen führt, dass die Musiker zum Zeitpunkt des Albums gerade einmal Anfang bis Mitte 20 waren. 

Blind Guardian werden textlich ja gerne auf Tolkien reduziert, allerdings ist gerade einmal "The Bard's Song: The Hobbit" von Tolkien inspiriert. Ansonsten wildern Blind Guardian sich quer durch den Science Fiction- und Fantasy-Dschungel und bedienen sich von Michael Moorcocks Eternal Champion-Serie ("Journey Through the Dark", "The Quest for Tanelorn") über Stephen Kings The Dark Tower-Reihe ("Somewhere Far Beyond", genauer gesagt an den ersten drei Bänden, mehr gab es 1992 noch nicht ) bis hin zu Blade Runner ("Time What Is Time") und Twin Peaks ("Black Chamber") bei vielen verschiedenen literarischen und filmischen Vorlagen. 

Knackpunkt von "Somewhere Far Beyond" dürfte vermutlich "The Bard's Song: In the Forest" sein. Die Akustikballade verbindet man heute häufig eher mit methornschwingendem Wacken-Ballermann-Publikum, und Blind Guardian haben das Stück nicht zuletzt durch die Neuaufnahme im Jahre 2003 vielleicht auch ein wenig überstrapaziert - andererseits gehört es immer noch zu den beeindruckendsten Konzerterlebnissen meines Lebens, als der Song 2002 beim Konzert in der Düsseldorfer Philipshalle vollständig vom Publikum gesungen und die Band danach minutenlang derart abgefeiert und niedergebrüllt wurde, dass Hansi Kürsch überhaupt nicht mehr zu Wort kam und man auch sehen konnte, wie auf der Bühne ein paar Tränen flossen. 

Ähnlich wie Iron Maidens "Fear of the Dark" habe ich das Lied inzwischen trotz allem etwas über.

Der Rest von "Somewhere Far Beyond" verdient in meinen Augen aber nichts anderes als die Höchstnote. Ich mag sogar die Queen-Coverversion "Spread Your Wings", die zusammen mit einer weiteren Coverversion ("Trial By Fire" von Satan) sowie einer etwas anders gemixten, bombastischeren Version von "Theatre of Pain" als Bonus auf der CD-Version des Albums war.

Blind Guardians aus meiner Sicht damals wirklich einzigartiger Stil, diese bereits erwähnte, geniale Verquickung von Speed Metal und völligem Bombast, an manchen Tagen gibt es nichts besseres - bis heute.



Top 30 Alben mit Links:

 

01. Pink Floyd - The Wall

02. The Beatles - Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band

03. Metallica - Master of Puppets

04. New Model Army - Thunder and Consolation

05. Pearl Jam - Ten

06. Bad Religion - Stranger than Fiction

07. Alice In Chains - Dirt

08. Paradise Lost - Icon

09. Rush - Signals

10. Manic Street Preachers - The Holy Bible

11. Anathema - Judgement

12. Sepultura - Chaos A.D.

13. Tool - Lateralus

14. Iron Maiden - Somewhere in Time  

15. The Jezabels - Prisoner

16. Bruce Springsteen - Born to Run

17. The Gathering - How to Measure a Planet?

18. Tiamat - A Deeper Kind of Slumber

19. Arena - The Visitor

20. Mad Season - Above

21. Type O Negative - October Rust

22. Extreme - III Sides to Every Story

23. Fear Factory - Demanufacture

24. Faith No More - Angel Dust

25. Blind Guardian - Somewhere Far Beyond

26. Devin Townsend - Terria

27. Gold - Optimist

28. Megadeth - Countdown to Extinction

29. Marillion - Afraid of Sunlight

30. Porcupine Tree - In Absentia


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