Projekt Top 30 - Teil 4

Wir bleiben im Jahrzehnt, wechseln aber an dessen anderes Ende. Von 1992 nach 1998. Zu einer Band aus den Niederlanden, die in den Neunzigern die Metalszene gehörig durcheinanderwirbelte, um dann mit dem hier besprochenen Album diese enge Schublade endgültig zu verlassen und über den Dingen zu schweben.

Platz 17: The Gathering: How to Measure a Planet?

Wie vermutlich die meisten lernte ich The Gathering mit ihrem ersten Album kennen, das sie mit Sängerin Anneke van Giersbergen aufnahmen - "Mandylion", erschienen 1995. Aufmerksam geworden durch Robert Müllers 'Album des Monats'-Review im Metal Hammer, blies mich diese Platte völlig um. The Gathering konnten sich dann 1997 mit dem Nachfolger "Nighttime Birds", der stilistisch schon etwas breiter aufgestellt war, noch einmal steigern, bevor sie nur ein Jahr später dann erneut einen draufsetzten  und mit dem Doppelalbum "How to Measure a Planet?" endgültig alle Grenzen sprengten.

Alles an diesem Album war anders. Das gelbe, futuristisch aussehende Cover ließ schon erahnen, dass die Band in andere Regionen vordringen wollte, das Format Doppelalbum war auch relativ außergewöhnlich. Statt den beiden sehr erfolgreichen und beliebten Vorgängern ein weiteres Album in dieser Richtung an die Seite zu stellen, ergo auf der Stelle zu treten, gingen The Gathering aber den eingeschlagenen Weg lieber weiter. Allerdings mit Riesenschritten, und sie gingen nicht bloß nach vorne, sondern erhoben sich zeitgleich in die Lüfte und ließen irgendwelche Genregrenzen, Kategorisierungen und Schubladen endgültig hinter sich. Mit "How to Measure a Planet?" schwebte die Band über den Dingen und tut das bis heute. Jedes weitere ihrer Alben hatte für mich immer etwas Unabsehbares, Unvorhergesehenes oder Unerwartetes, auch wenn sie abgesehen vom bis heute letzten Album "Disclosure" (2012) nie wieder so völlig kompromisslos Erwartungshaltungen ignorierten wie mit "How to Measure a Planet?". Das Album ist deutlich ruhiger als seine beiden Vorgänger. Trotz gelegentlich noch vorhandener härterer Gitarreneinsätze, zum Beispiel in "Liberty Bell", "Great Ocean Road" oder "Probably Built in the Fifties", kann man hier auch mit viel gutem Willen nicht mehr von Metal sprechen, und auch mit Rock haben viele der insgesamt 14 Songs nur noch am Rande zu tun.

The Gathering erweiterten ihr stilistisches Spektrum mit "How to Measure a Planet?" enorm, in Richtung Trip Hop wurde zum Beispiel nicht bloß geschielt, man hört Psychedelic und Prog raus, Massive Attack standen genauso Pate für dieses Album wie Pink Floyd. Das alles sind völlig unzureichende Beschreibungen und der Versuch einer Kategorisierung, obwohl ich oben ja selber geschrieben habe, dass sich diese Platte eigentlich jeder Kategorisierung entzieht. 

Eine der größten Stärken von "How to Measure a Planet?" ist sein Sound. Dieses Album klingt unglaublich warm, schön und heimelig. In Songs wie "Red is a Slow Colour" oder "The Big Sleep" möchte man sich reinlegen, sie umspülen einen mit diesen warmen, fast kuscheligen Soundscapes, diesem vollen, sanften und gemütlichen Klang. Gleichzeitig bringt das Album aber das Kunststück fertig, unfassbar weit, riesig und nach Weltall zu klingen. In "Marooned" oder "Illuminating" hebt man beim Lauschen unter dem Kopfhörer fast ab und begibt sich vor dem geistigen Auge auf Weltraumflüge.

Zudem enthält dieses Album einige der besten Songs, die The Gathering jemals geschrieben haben. Ausfälle oder auch nur Füllmaterial gibt es ohnehin keines, zwei Lieder möchte ich aber dennoch gesondert hervorheben. 

Da wäre zum einen das die erste CD/LP beendende "Travel", der wohl intensivste und mitreißendste Song dieser Band überhaupt. Über eine Spieldauer von neun Minuten steigert sich "Travel" von der ruhigen Ballade langsam immer weiter, stapelt Soundschicht auf Soundschicht, wird von Minute zu Minute intensiver, um dann am Ende die erlösende Explosion aber zu verwehren, stattdessen wird das Lied sanft ausgeblendet. Obendrüber thront van Giersbergens Gesang, die  hier einige ihrer besten und tränentreibendsten Gesangslinien präsentiert, beim abschließenden "I wish you knew your music was to live forever. And I hope. I have no clue if you knew how much it matters. And I hope." ist alles aus, besonders in der unten verlinkten Liveversion sind diese Zeilen ein 100%iger Garant für Gänsehaut, Tränen und sind einfach reine Katharsis. Ich habe mich lange gefragt, an wen "Travel" gerichtet ist, und laut einigen Infos, die ich dazu im Netz finden konnte, handelt es wohl von Mozart.

Der zweite Song, den ich gesondert erwähnen möchte, ist "Illuminating" auf der zweiten CD. Ein Song  darüber, in einem Raumschiff o. ä. den Kontakt zur Erde zu verlieren, über die Schwerelosigkeit. Die Strophen sind zunächst fast unscheinbar, unruhiges Drumming, Anneke van Giesbergen singt recht tief für ihre Verhältnisse, es deutet sich im Grunde ein sanfter Song im Stile von "The Big Sleep" an. Im Chorus hebt das Lied dann aber urplötzlich ab. "I will feel great without my weight pulling me down." singt sie, klingt dabei tatsächlich vollkommen gelöst von der darunter pluckendern Musik, die Stimme ist nun deutlich höher und verbreitet in Verbindung mit der sich anschließenden Theremin-Melodie eine komplett außerweltliche Stimmung. Was für ein Song. "Illuminating" und "Travel" stechen auf einem wirklich durchgehend grandiosen Album noch einmal heraus.

Beschlossen wird "How to Measure a Planet?" von seinem Titelsong, der mit seinen 28 Minuten  mehr als ein Viertel der Gesamtspielzeit des Albums einnimmt. Wie um noch einmal ein Ausrufezeichen unter ihren Ansatz, sich um Grenzen und Erwartungshaltungen einfach nicht mehr zu kümmern, zu setzen, starten The Gathering hier dann endgültig zur akustischen Planetenumrundung. Während ca. die erste Hälfte des Songs zumindest noch einer nachvollziehbaren Struktur folgt, aber selbst für dieses Album noch einmal extra trippig klingt, geht das Stück in seiner zweiten Hälfte dann mehr und mehr in Soundscapes, Echos, herumflirrende Stimmen und Weltraumsounds über, vieles davon wirkt wie ein Soundtrack zur Schlusspassage von "2001: A Space Odyssey", wie ein vertonter Drogentrip. Ein Experiment, aber ein gelungenes und eigentlich so etwas wie der ultimative psychedelische Weltraumsong.

Was für ein Album. The Gathering sind nach meinem Dafürhalten davor und danach nicht noch einmal an die Klasse von "How to Measure a Planet?" herangekommen, obwohl es neben dem ja vorher erschienenen "Nighttime Birds"  mit "If_Then_Else" oder "Disclosure" weitere Alben auf Weltklasse-Niveau gab und auch das übrige Material niemals so etwas wie Mittelmaß hervorbrachte. Das hier ist für mich aber dennoch ihr bestes, wichtigstes und beeindruckendstes Album geblieben.



Top 30 Alben mit Links:

 

01. Pink Floyd - The Wall

02. The Beatles - Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band

03. Metallica - Master of Puppets

04. New Model Army - Thunder and Consolation

05. Pearl Jam - Ten

06. Bad Religion - Stranger than Fiction

07. Alice In Chains - Dirt

08. Paradise Lost - Icon

09. Rush - Signals

10. Manic Street Preachers - The Holy Bible

11. Anathema - Judgement

12. Sepultura - Chaos A.D.

13. Tool - Lateralus

14. Iron Maiden - Somewhere in Time  

15. The Jezabels - Prisoner

16. Bruce Springsteen - Born to Run

17. The Gathering - How to Measure a Planet?

18. Tiamat - A Deeper Kind of Slumber

19. Arena - The Visitor

20. Mad Season - Above

21. Type O Negative - October Rust

22. Extreme - III Sides to Every Story

23. Fear Factory - Demanufacture

24. Faith No More - Angel Dust

25. Blind Guardian - Somewhere Far Beyond

26. Devin Townsend - Terria

27. Gold - Optimist

28. Megadeth - Countdown to Extinction

29. Marillion - Afraid of Sunlight

30. Porcupine Tree - In Absentia


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