Projekt Top 30 - Teil 5

Zunächst einmal: Ich habe ein neues Handy und endlich sehen meine Fotos nicht mehr aus, als wären sie durch ein Glas Milch fotografiert - frohlocket!

Weiter geht es heute mit dem nächsten Album aus der Reihe. Wir begeben uns ins schöne Schweden und zum fünften Album einer Band, für dessen Review ich im Grunde die Grundzüge des Reviews zu The Gatherings "How to Measure a Planet?" übernehmen könnte.

Platz 18: Tiamat - A Deeper Kind of Slumber

Die Voraussetzungen sind nämlich eigentlich gar nicht so anders im Vergleich zum The Gathering-Album, Tiamat waren lediglich zwei Jahre früher dran. Beide Bands beschritten nach überaus erfolgreichen Alben, die man durchaus auch als Durchbruchsalben werten könnte (im Falle Tiamats war das logischerweise das 1994er Werk "Wildhoney") neue Wege bzw. gingen die eingeschlagenen Wege einfach konsequent weiter. Beide Bands ernteten neben Lob dafür aber auch heftige Kritik, und im Falle von "A Deeper Kind of Slumber" ließ mich das 1997 erstmals ernsthaft an der der Metalszene zweifeln. Wie konnte man allen Ernstes  erwarten, dass eine Band, die sich binnen weniger Jahre von stumpfem Death Metal ("Sumerican Cry", 1990) über die logischen Zwischenschritte "The Astral Sleep" (1991) und "Clouds" (1992) zu einem vor Pink Floyd-Einflüssen schier überbordenden Gothic-Doom-Death-Psychedelic-Wunderwerk wie "Wildhoney" entwickelt hatte, nun stagnieren und das Rezept des Erfolgsalbums wiederholen sollte - 'nur', weil dieses Album derart erfolgreich gewesen war?

Es war doch spätestens nach "Clouds" klar, dass Tiamat und in erster Linie ihr Chef Johan Edlund Künstler waren, die etwas vermitteln wollten, sich entwickelten und in Riesenschritten vorangingen. Dass hier Leute am Werk waren, die Musik nicht um ihrer selbst Willen erschufen, sondern die sich ausdrücken wollten und etwas mitzuteilen hatten. Das unsachliche Gelaber, das man selbst in Prä-Internetforen- bzw. -Social-Media-Zeiten über "A Deeper Kind of Slumber" und eben später auch "How to Measure a Planet?" ertragen musste, war stellenweise wirklich an Blödheit und Ignoranz nicht mehr zu schlagen. Hilfe, 'meine' Band entwickelt sich! Ja, schlimm. Wenn's nicht gefällt, die Alben von AC/DC und Motörhead stehen gleich daneben im Plattenladen!

 

Doch kommen wir zu "A Deeper Kind of Slumber", dem ja gerne auch mal vorgeworfen wird, ein unglaublich ödes und langweiliges Album zu sein (eine weitere Gemeinsamkeit zu den Kolleg:innen von The Gathering). Eine für mich wirklich nicht im Ansatz nachzuvollziehende Meinung. "A Deeper Kind of Slumber" ist im Gegenteil das spannendste und abwechslungsreichste Album, das Tiamat je veröffentlicht haben, und meiner Meinung auch mit einigem Abstand. Das Album ist grundsätzlich ruhiger in der Ausrichtung und die Metal-Anteile wurden zurückgeschraubt, auf seine rauen Death-Metal-Vocals verzichtet Edlund zudem vollständig und verlässt sich vollständig auf seine klare, sonore Gesangsstimme, an der er im Vergleich zum Vorgänger auch deutlich gearbeitet hatte. "A Deeper Kind of Slumber" ist in vielerlei Hinsicht ein geheimnisvolles Album. Das beginnt schon beim Blick auf die Tracklist. Mysteriöse Songtitel  wie "Teonanacatl", "Trillion Zillion Centipedes", "Alteration X10" oder "Phantasma De Luxe" geben Rätsel auf. Weiter geht es beim Klang, der im Vergleich zu den Vorgängeralben glatter ist, fast teflonartig. Weniger Ecken und schroffe Kanten, mehr dunkle, matte Oberflächen und pulsierende Neon-Lichter. "A Deeper Kind of Slumber" klingt urbaner, kälter als "Wildhoney"

Das spannendste an dem Album ist aber die Tatsache, wie Tiamat es geschafft haben, aus diesem kreativen Potpourri und diesen endlos vielen Einflüssen ein in sich geschlossenes, kohärentes Album zu erschaffen. Die musikalischen Einflüsse auf dieser Platte sind zahlreich und scheinen erstmal überhaupt nicht zusammenzupassen. Exemplarisch sei hier einmal die Mitte des Albums genannt: Nach einen für diese Platte fast klassischen Rock/Doom-Song wie "Alteration X10" schließt sich mit "Four Leary Biscuits" ein orientalisch bis exotisch wirkendes Stück an, inkl. Sitarklängen, diversen Flöten und weiblichen Gastvocals. Darauf folgt dann mit "Only in My Tears it Lasts" ein Trip Hop-beeinflusster Song mit beinahe Kraftwerk-artigen Synthie-Effekten, bevor sich mit "The Whores of Babylon" eine tanzbare Uptemponummer anschließt, die grundsätzlich im Gothic Rock angesiedelt ist, mit ihrem pumpendem Beat aber auch leichte Techno-Einflüsse aufweist. "Kite" schließlich ist ein ruhiges Instrumentalstück mit sanften Synthieklängen und einem Oboen-Solo obendrauf, das dann in Vogelgezwitscher endet. Nichts von diesen Einflüssen scheint irgendwie zusammenzupassen. Dennoch bekommen Tiamat es hin, dass die fünf Songs in genau dieser Reihenfolge nicht nur Sinn ergeben, sondern dabei in sich geschlossen wirken und eben auch in genau dieser Abfolge stehen müssen.

Dieses Phänomen zieht sich durch das gesamte Album. Es folgt im Grunde auf jeden Song ein anderer, der in eine vollkommen unterschiedliche musikalische Richtung geht. Dennoch ist "A Deeper Kind of Slumber" ein in sich geschlossenes Werk, ein Album und nicht bloß eine lose Ansammlung von Ideen und Songs. Das ist das, was mich an diesem Album von Beginn an fasziniert hat und es bis heute immer noch genauso tut. 

Ganz interessant sind noch die Gastmusiker auf "A Deeper Kind of Slumber", so sind zum Beispiel The Inchtabokatables für die Streichinstrumente zuständig und Sami Yli-Sirniö (Waltari, später Kreator) ist an der Sitar zu hören. "A Deeper Kind of Slumber" ist trotz des scheinbar alles überstrahlenden Vorgängers und der Tatsache, dass Tiamat ab "The Astral Sleep" mit Ausnahme des 2008er-Albums "Amanethes" nicht eine einzige schwache Platte veröffentlicht haben, relativ klar mein Lieblingsalbum dieser Band und bis heute auch das, das ich am häufigsten von ihnen auflege.



Top 30 Alben mit Links:

 

01. Pink Floyd - The Wall

02. The Beatles - Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band

03. Metallica - Master of Puppets

04. New Model Army - Thunder and Consolation

05. Pearl Jam - Ten

06. Bad Religion - Stranger than Fiction

07. Alice In Chains - Dirt

08. Paradise Lost - Icon

09. Rush - Signals

10. Manic Street Preachers - The Holy Bible

11. Anathema - Judgement

12. Sepultura - Chaos A.D.

13. Tool - Lateralus

14. Iron Maiden - Somewhere in Time  

15. The Jezabels - Prisoner

16. Bruce Springsteen - Born to Run

17. The Gathering - How to Measure a Planet?

18. Tiamat - A Deeper Kind of Slumber

19. Arena - The Visitor

20. Mad Season - Above

21. Type O Negative - October Rust

22. Extreme - III Sides to Every Story

23. Fear Factory - Demanufacture

24. Faith No More - Angel Dust

25. Blind Guardian - Somewhere Far Beyond

26. Devin Townsend - Terria

27. Gold - Optimist

28. Megadeth - Countdown to Extinction

29. Marillion - Afraid of Sunlight

30. Porcupine Tree - In Absentia


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