Projekt Top 30 - Teil 6

Nachdem ich mich ja für die ersten fünf Teile dieser Reihe ausschließlich in den Neunzigern bewegt habe, geht es diesmal ab ins neue Jahrtausend, genauer gesagt ins Jahr 2011. Wir befinden uns in Sydney, Australien. Die Band, um die es geht, hat nach drei vorangegangenen EPs, die in den Jahren 2009 und 2010 das Licht der Welt erblickten, soeben ihr Debütalbum veröffentlicht. Ein Album, das mich vor knapp zehn Jahren dann eiskalt erwischte und mich bis heute nicht loslässt.

Platz 15: The Jezabels - Prisoner

Musik nur nach dem Cover kaufen - das habe ich früher hin und wieder mal gemacht und richtig reingefallen bin ich nie. Inzwischen gibt es natürlich ganz andere Möglichkeiten, neue Musik zu entdecken und auszuprobieren, als seinerzeit im Plattenladen. 2011 war es auf Simfy (die Älteren mögen sich erinnern), wo mir "Prisoner", das Debütalbum von The Jezabels, eines Tages angezeigt wurde, vermutlich in irgendeiner dieser 'Neue Musik, die Dir gefallen könnte'-Quatschlisten, die bis zum heutigen Tag in der Regel einfach nur furchtbaren Käse enthalten, weil die Algorithmen von Spotify und Co. schlicht überhaupt nichts können. Aber das Cover fand ich schön und so klickte ich auf 'Play' und kam die folgende knappe Stunde aus dem Staunen und Ergriffensein einfach nicht mehr heraus.

"Prisoner" beginnt mit seinem Titelsong, zugleich der sperrigste und auch untypischste Song für dieses Album. Er startet mit epischen Keyboardflächen im Breitwandformat, nach einer Minute setzt die Band ein, unruhiges, hektisches Drumming, fast schon postrockige Gitarren und der Gesang von Sängerin Hayley Mary, die erst tief, dann zunehmend höher und aufbrausender singt, sirenenartig. So als hätten Siouxsie And The Banshees mit The Cure oder Joy Division  einen Song aufgenommen, diesen aber bewusst uneingängig gestaltet. Merkwürdiger Song, so mein erster Eindruck. Gut, aber merkwürdig. 

Ab dem zweiten Song "Endless Summer" wandelt sich dieser Eindruck recht schlagartig. Die nächsten fünf Stücke sind eingängiger, folgen beim Songwriting einer konventionelleren Struktur und sind weniger experimentell. Ab "Endless Summer" hatte mich diese Platte in ihrem Griff bei diesem ersten Durchlauf. The Jezabels spielen hier eine Art Indie Rock, so würde ich den Stil am ehesten bezeichnen. Allerdings mit einem Pop Appeal und einem Gespür für Melodien, das man bei einer Band nur alle Jubeljahre mal findet. Und immer mit einem gewissen epischen, soundtrackartigen Anteil, mal mehr, mal weniger groß, der vor allem durch die Keyboardmelodien und -flächen Heather Shannons sowie den Hall auf Samuel Lockwoods Gitarrenspiel erzeugt wird. 

Auch wenn "Prisoner" wie beschrieben drei EPs vorausgegangen waren, die Band also nicht mehr aus blutigen Anfänger:innen bestand: Wer für sein Debütalbum bereits Songs wie "Long Highway", "Rosebud", "Deep Wide Ocean" oder das alles überstrahlende "City Girl" (für mich ganz ohne Zweifel in den Top 10 der besten Songs aus diesem Jahrtausend) schreiben kann, bei dem handelt es sich nicht um eine gewöhnliche Band unter Hunderten, sondern um eine Ausnahmeerscheinung und einen besonders hell funkelnden Stern am Firmament.

Bei allem songwriterischen Talent haben The Jezabels aber ein weiteres Ass im Ärmel, und das ist ihre Sängerin Hayley Mary. Ihr Gesang hat mich von Beginn an völlig fasziniert, wie großartig kann eine Stimme sein? Abgesehen von Lightning Dusts Amber Webber und Mark Lanegan hat mich in den vergangenen zwei Dekaden keine Stimme mehr dermaßen begeistert wie es die von Hayley Mary tut. Wie sie zum Beispiel in "Trycolour" von tiefen, beschwörenden Passagen in diese hohe, sirenenartige Stimme wechselt, dabei immer so unendlich gelassen und cool klingt, macht mich fertig. Das zieht sich durch das ganze Album, und sie hatte diesbezüglich auf "Prisoner" noch nicht einmal das Ende der Fahnenstange erreicht, wenn ich da zum Beispiel an den Titelsong des Nachfolgers "The Brink" oder an "Come Alive"  oder "Stamina" vom dritten Album "Synthia" denke. Was für eine grandiose Sängerin.

 

"Prisoner" wird in seiner zweiten Hälfte, nach den erwähnten fünf Überhits in Folge, dann wieder etwas experimenteller und lotet die Extreme mehr aus. "Nobody, Nowhere" klingt  wieder unruhiger und hektischer, spannt den Bogen zum Opener. Mit dem pianolastigen "Peace of Mind" und den beiden kurzen Instrumentals "Austerlitz" und "Reprise" wird es dann aber stellenweise auch ganz ruhig und die Musik kommt beinahe zum Stillstand. Ganz zum Ende hin haut die Band dann mit "Catch Me" noch einmal einen absoluten Übersong raus, ein flächig angelegtes Breitwand-Stück, ruhig vom Aufbau her und einmal mehr mit Melodien ausgestattet, die kaum zu beschreiben gut sind. Mit der teilweise zweistimmig gesungenen Passage in der Mitte ("When you're getting the vibe, when you're moving inside...") heben The Jezabels sich die meiner Meinung nach beste Stelle des kompletten Albums bis wirklich ganz zum Schluss auf. Was für ein Ende, was für ein Ausrufezeichen unter ein ohnehin kaum zu fassen gutes Album. "Prisoner" ist perfekt, zehn Punkte ohne auch nur den Hauch eines Schwachpunkts.

"Synthia", ihre bis dato letzte Platte, ist vor kurzem fünf Jahre alt geworden und bisher wartet man leider vergeblich auf ein neues Album der Band. Wie sie aber betont haben, wollen und werden sie nur neue Musik veröffentlichen, wenn sie diese selber für gut genug erachten und wenn sie für sie selber eine Bedeutung hat. Eine Platte nur um einer Platte Willen wird es nicht geben. Ich halte das für den einzig richtigen Ansatz, den leider viel zu wenige Bands viel zu selten verfolgen. Und ich hoffe natürlich, dass es im Falle von The Jezabels dann lieber früher als später soweit ist - aber wenn nicht, dann ist das eben so.



Top 30 Alben mit Links:

 

01. Pink Floyd - The Wall

02. The Beatles - Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band

03. Metallica - Master of Puppets

04. New Model Army - Thunder and Consolation

05. Pearl Jam - Ten

06. Bad Religion - Stranger than Fiction

07. Alice In Chains - Dirt

08. Paradise Lost - Icon

09. Rush - Signals

10. Manic Street Preachers - The Holy Bible

11. Anathema - Judgement

12. Sepultura - Chaos A.D.

13. Tool - Lateralus

14. Iron Maiden - Somewhere in Time  

15. The Jezabels - Prisoner

16. Bruce Springsteen - Born to Run

17. The Gathering - How to Measure a Planet?

18. Tiamat - A Deeper Kind of Slumber

19. Arena - The Visitor

20. Mad Season - Above

21. Type O Negative - October Rust

22. Extreme - III Sides to Every Story

23. Fear Factory - Demanufacture

24. Faith No More - Angel Dust

25. Blind Guardian - Somewhere Far Beyond

26. Devin Townsend - Terria

27. Gold - Optimist

28. Megadeth - Countdown to Extinction

29. Marillion - Afraid of Sunlight

30. Porcupine Tree - In Absentia


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