Projekt Top 30 - Teil 7

Weiter geht es mit dem nächsten Album. Nachdem ich mich zuletzt ja eher in der zweiten Hälfte dieser Liste bewegt hatte (aber wie gesagt, das ist sowieso alles nur eine Momentaufnahme und stark tagesformabhängig), geht es für das nächste Review mal wieder in die Top 10. Zu einer Band, die mich inzwischen seit nun auch schon fast drei Dekaden begleitet.

Platz 6: Bad Religion - Stranger than Fiction

Mein Erstkontakt mit Bad Religion war der Song "Individual" von dem hier besprochenen 1994er-Album "Stranger than Fiction", ihrer achten Platte. Der Song war auf irgendeiner CD-Beilage einer Zeitschrift, ich weiß allerdings nicht mehr, von welcher. Das Rock Hard fing mit seinen CD-Beilagen nach meiner Erinnerung erst ein, zwei Jahre später an. Eventuell war es eine CD aus dem Metal Hammer oder auch was ganz anderes, wer weiß das schon. Letztlich auch egal, "Individual" war jedenfalls der erste Song, den ich von Bad Religion bewusst wahrgenommen habe und der mich so packte, dass ich dranblieb und mehr hören wollte.

"Stranger than Fiction", das zugehörige Album, war demnach mein Einstiegsalbum in das Schaffen einer Band, die ich bis heute zu meinen liebsten zähle. Bad Religion haben im Laufe ihrer inzwischen knapp 40jährigen Karriere unfassbare Alben veröffentlicht. Das reicht von frühen Klassikern wie "Suffer" und "No Control" bis zu Glanztaten der jüngeren Vergangenheit, wie beispielsweise "New Maps of Hell" oder dem 2019er Geniestreich "Age of Unreason". Natürlich haben sie zwischendrin auch mal geschwächelt, Ende der 1990er, Anfang der 2000er gab es mit "No Substance" und "The New America" schon zwei Alben, die den Test of Time eher nicht bestanden haben und bei denen die Band qualitativ ganz schön ins Schwanken geriet, und auch bei "True North", dem vorletzten Album, war nicht alles Gold, auch wenn ich das Album heute deutlich besser finde als bei seiner Veröffentlichung.

"Stranger than Fiction" aber ist und bleibt wohl für alle Zeiten mein Lieblingsalbum der Band. Nach den für Bandverhältnisse stilistisch etwas aus dem Rahmen fallenden Vorgängern "Generator" (1992) und "Recipe for Hate" (1993) kehrten Bad Religion mit "Stranger than Fiction" wieder mehr zum melodischen, temporeichen Punkrock der Marke "No Control" zurück, klangen nun aber reifer, erfahrener, auch erwachsener. Und es wurde nicht durchgehend aufs Tempo gedrückt. Mit Midtempo-Songs wie "Infected", "What It Is" und dem beinahe schon balladesken "Slumber" wurde auch etwas mehr auf Abwechslung gesetzt.

"Stranger than Fiction" markierte in vielerlei Hinsicht eine Art Neuanfang: Es ist neben der Tatsache, dass es das erste Bad Beligion-Album war, das nicht auf dem hauseigenen Label Epitaph erschien, zudem das erste Album seit dem umstrittenen Zweitwerk "Into the Unknown", das man nicht im eigenen Studio aufnahm. Außerdem holte man mit Andy Wallace erstmals einen externen Produzenten mit ins Boot, anstatt alles selber zu produzieren. Was übrigens auch der Grund für die Neuaufnahme des "Against the Grain"-Songs "21st Century (Digital Boy)" war . Brett Gurewitz war der Meinung, dass der Song im Original einfach nicht so gut war, wie er hätte sein können und wie die Band ihn live performte. Außerdem war es sein Wunsch, das Lied, von dem er sehr überzeugt war, einmal mit einer Wallace-Produktion zu hören. Da sich die Plattenfirma wohl zudem gesträubt hatte, "Infected" als erste Single zu akzeptieren, kam es dann zu einer Art Trotz- und Neugier-Reaktion und man nahm das Lied kurzerhand noch einmal neu auf und es avancierte zum Hit.

"Stranger than Fiction" ist wie gesagt mein Lieblingsalbum von Bad Religion, was natürlich auch damit zu tun hat, dass es mein Einstieg war. Aber auch, wenn man diesen Faktor wegnimmt: Die Hitdichte auf diesem Album ist exakt 100 %. Es gibt keine schwache Sekunde auf "Stranger than Fiction"

Die ersten sechs Songs ballern einem die Herren in einer guten Viertelstunde vor den Latz, das Tempo ist hoch, die Melodien unglaublich. Songs wie "Leave Mine to Me" oder der Titelsong warten zudem mit Tempowechseln und teilweise fast vertrackter Rhythmik auf (für Punkrock-Verhältnisse, versteht sich), dazu straightere Nummern wie "Incomplete" , "Tiny Voices" oder "The Handshake", die einem ob ihrer unfassbaren Melodielinien trotz der textlich wie üblich ernsten Thematiken ein Dauerlächeln ins Gesicht zaubern. Mit "Infected" gibt es eine erste Verschnaufpause, ein weiteres Wunderwerk an Melodien und mehrstimmigen Gesängen, mit über vier Minuten Länge ein regelrechter Longtrack. 

"Television", mit herrlich asigem Gastgesang von Tim Armstrong (u. a. Rancid), zieht das Tempo dann wieder an und bis zum regulären Abschluss, Song 15, der erwähnten Neueinspielung von "21st Century (Digital Boy)", folgen wirklich nur Granatensongs, jeder Song ein Treffer, nichts, was einem Füller auch nur nahekommt. Die europäische Version des Albums enthält mit "Markovian Process" und "News from the Front" noch zwei Bonustracks (die japanischen Fans bekamen mit dem ebenfalls saustarken "Leaders and Followers" sogar noch einen dritten) und speziell "News from the Front" zählt sogar zu den besten Stücken dieses Albums überhaupt.  Einen Song, den andere Bands als Single auskoppeln und ein Album drumherumstricken würden, veröffentlichen Bad Religion lediglich als lumpigen Bonustrack - weil sie es können.

 

Nach "Stranger than Fiction" gab es dann einige weitere Änderungen im Lager von Bad Religion. Brett Gurewitz stieg vorübergehend aus der Band aus und wurde durch Brian Baker (Minor Threat) ersetzt, der bis heute dabei ist. Mit "The Gray Race" folgte noch ein weiteres starkes Album, bevor dann die oben erwähnte Durststrecke begann, ehe sich die Band mit der Rückkehr Gurewitz' und dem Album "The Process of Belief" am eigenen Schopf aus dem Schlamm zog. Aber das ist eine Geschichte für einen anderen Tag.



Top 30 Alben mit Links:

 

01. Pink Floyd - The Wall

02. The Beatles - Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band

03. Metallica - Master of Puppets

04. New Model Army - Thunder and Consolation

05. Pearl Jam - Ten

06. Bad Religion - Stranger than Fiction

07. Alice In Chains - Dirt

08. Paradise Lost - Icon

09. Rush - Signals

10. Manic Street Preachers - The Holy Bible

11. Anathema - Judgement

12. Sepultura - Chaos A.D.

13. Tool - Lateralus

14. Iron Maiden - Somewhere in Time  

15. The Jezabels - Prisoner

16. Bruce Springsteen - Born to Run

17. The Gathering - How to Measure a Planet?

18. Tiamat - A Deeper Kind of Slumber

19. Arena - The Visitor

20. Mad Season - Above

21. Type O Negative - October Rust

22. Extreme - III Sides to Every Story

23. Fear Factory - Demanufacture

24. Faith No More - Angel Dust

25. Blind Guardian - Somewhere Far Beyond

26. Devin Townsend - Terria

27. Gold - Optimist

28. Megadeth - Countdown to Extinction

29. Marillion - Afraid of Sunlight

30. Porcupine Tree - In Absentia


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